„Wennst denkst, is eh zu spät.“

Cris Koch legt Spuren. Er macht den Betrachter seiner Bilder zum Detektiv in der Verweishölle. Im Interview gibt er ein paar Hinweise, ein paar Tipps, wie jeder für sich das Rätsel lösen kann: Cris Koch über Gerd Müller, seine Arbeitsweise, das Ende der Geschichte und ein drittes Bein.

Am Ende der Ausstellung in der Villa Stuck, ganz oben im Treppenhaus, hast Du ein Zitat von Gerd Müller anbringen lassen: „Wenn’st denkst, is eh zu spät.“ Kann man das als Überschrift für die Ausstellung lesen?

Cris Koch: Wir bringen mehrere Zitate an, dort wo sie hinpassen. Auch in  Bezug zu den Arbeiten in ihrer Umgebung, einige kann man aber auch über alles drüber schreiben. Und gerade dieses Gerd Müller Zitat hat einen sehr direkten Bezug zu meiner Arbeitsweise: aus dem Prozess heraus Dinge zu machen. Aus dem Fluss heraus. Ich arbeite im Fluss, mit einem gewissen Tempo. Gerd Müller wurde eben gefragt, wie er seine Tore macht. Und wenn ein Fußballspieler überlegt: „Gehe ich jetzt an dem links vorbei, oder rechts“, dann ist es eben meist schon zu spät. Du musst einfach vorbeigehen.

Man schießt instinktiv in das richtige Eck…

Koch: Den Moment sucht man. Den Moment suche ich. Und da ist Fußball tatsächlich ein gutes Beispiel: Nur so funktioniert es für mich, auch wenn es manchmal daneben gehen kann. Und in meinem Arbeitsprozess brauche ich einen Push: ich suche mir Musik aus, die zu meiner Stimmung passt. Wenn es am Anfang um die großen Hintergründe geht, dann lege ich eher Chemical Brothers auf, am Ende, bei der Feinarbeit höre ich dann Jazz.

Wie lange hast Du an dem großen Wandbild, das im Treppenhaus der Villa Stück hängt, gearbeitet?

Koch: Das habe ich in drei Tagen hier gemalt. Unten im  Studio 6. Das ist ja im Moment eine Mischform aus Bühnensituation, Club, Plattenladen. Aber auch eine Spiegelung meines momentanen Ateliers. In meinem Atelier schauen die Wände ungefähr so aus, wie da unten. Ich bin gerade in einer leer stehenden Wohnung, dort bin ich Zwischennutzer. Und die einzige Auflage war, das Parkett zu schützen. Deshalb bin ich in den Baumarkt und habe den billigsten Teppich gekauft, das war ein roter Fusselteppich. Hier mussten wir jetzt natürlich einen teureren Brandschutzteppich nehmen. Die Idee war, meine komplette Ateliersituation hier zu spiegeln. Mit dem Hintergrund: Wenn ich mir Künstlerbücher anschaue, finde ich oft die Bilder aus dem Atelier am spannendsten. Die schaue ich mir sehr gerne an.

Warum?

Koch: Ich finde, solche Bilder sagen oft mehr aus, als theoretische Texte.  Für mich persönlich ist dieser Zugang immer sehr spannend:  Wie sieht es bei dem im Atelier aus, wie arbeitet der da?

Wie bist Du denn zur Bildenden Kunst gekommen? Du hast ja vorher Musik gemacht.

Koch: Ja, ich bin über das Musik machen dazu gekommen. Ich habe irgendwann die Effektgeräte für Gitarren auf den Tisch gestellt und daran rumgeschraubt. Das hat Spaß gemacht und ich hab dann darüber angefangen, Soundinstallationen zu entwerfen. Auch im Ausstellungskontext, gar nicht mehr in einer Bühnensituation. Ich habe zum Beispiel sechs Verstärker mit verschiedenen Geräuschen bespielt und im Raum installiert. Durch diese Soundinstallationen ist mein Interesse an der Bildenden Kunst geweckt worden und ich bin dann ins Kunststudium geschlittert. Zur Malerei bin ich aber relativ spät gekommen, im 8. Semester während eines Auslandssemesters in Budapest.

Brauchst Du die Musik noch? Bedingen sich die Musik und deine Bilder?

Koch: Die Malerei war in den letzten Monaten für mich spannender, prickelnder, effektiver. Doch für mich liegt beides nicht so weit auseinander. Ich bin von einem ins andere reingerutscht, das bedingt sich schon. Beim Musikmachen arbeitet man ja auch assoziativ, frei. Wenn fünf Leute in einem guten Flow sind, dann kommt etwas Gutes dabei heraus. Musik hat verschiedenen Ebenen: Bässe, Mitten, Höhen. Bilder haben Hintergrund, Mittelgrund und Vordergrund. Ich sehe da viele Parallelen, Überschneidungen.

Auch weil beides Pop ist? Pop als Konzept?

Koch: Das hat natürlich alles mit Popkultur zutun. Alles was einen umgibt, das fließt mit ein. Aber in der Malerei spielen, noch mehr als bei der Musik, politische Dinge, Zeitgeschehen mit hinein. Gerade in der Malerei beschäftige ich mich quasi gesamtgesellschaftlich.

Du samplest in beiden Bereichen.

Koch: Das ist natürlich auch eine Parallele zwischen Musikmachen und Malen. Ein DJ nimmt sich Musikfragmente und setzt sie neu zusammen. Das mache ich als Maler auch. Bei den Collagen. Meine Samples sind vielleicht Plakate, Papierfetzen, die von überall her kommen können: von der Straße, aus dem Mülleimer, aus der Zeitung. Das ist eine sehr zeitgenössische Methode, da spiegelt sich quasi das Thema meiner Arbeit auch in der Art und Weise, wie ich sie verhandle. Wenn man sich anschaut: Was gibt es da draußen noch? Es gibt kaum mehr etwas Neues. Überall werden Fragmente aufgenommen und neu kombiniert. Da könnte man natürlich sagen: Ich mache es mir sehr einfach. Aber indem ich so arbeite,  als Künstler, der auch an Grenzbereiche herangeht, führe ich das ja auch ad absurdum.

Rufst Du gerade das Ende der Geschichte aus?

Koch: Nein, es gibt schon noch neue Entwicklungen. So etwas wie den iPod zum Beispiel. Was aber bei mir noch mit hineinspielt: Ich arbeite mit Medien die eigentlich tot sind, oder tot gesagt: Schallplatte tot, Tape tot, Polaroid tot, Gitarrenmusik wurde schon tausendmal totgesagt, ist trotzdem nicht tot. Aber diese Schnelllebigkeit heutzutage, dass ich mir heute etwas kaufe und morgen etwas anderes kaufen soll, dass das „Alte“ schon gar nicht mehr kompatibel ist: Das sind Dinge, die in meiner Arbeit auch mitschwingen.

Bist Du fortschrittsfeindlich?

Koch: Wir Menschen haben Grenzen. Wir wollen sie aber nicht anerkennen. Wir werden immer mehr, aber der Planet kann uns nicht mehr tragen. Da ist eine Grenze. Jeder von uns selbst ist seine eigene Grenze. Keiner kann aus seinem Körper raus. Wir können uns längere Finger machen, wir können uns dicke Lippen machen und wir können uns ein drittes Bein dranpflanzen lassen. Das sind doch die pervertierten Wünsche, die auch die Wissenschaft antreibt, weil sie nicht mehr weiß, in welche Richtung es noch gehen soll. Aber was soll das?

Vor nicht einmal 40 Jahren hat jemand, der es eigentlich besser wissen sollte, gesagt, die Welt wird mit vier Computern auskommen. Mehr brauche es nicht. Kann es nicht sein, dass wir in zwanzig Jahren alle eine Chip im Kopf haben und das als normal empfunden wird. Kann es nicht sein, dass unsere Vorstellungskraft einfach nicht ausreicht, um sich die Zukunft und die Neuerungen, die die Zukunft bringt, ausmalen zu können?

Koch: Vielleicht, aber ich will nie einen Chip im Kopf haben. Das weiß ich sicher.

Beschäftigt es dich auch, dass wir in 20 Jahren vielleicht überhaupt nicht mehr verstehen, was die dann machen, womit die arbeiten, was die als normal empfinden, die dann 20 Jahre alt sind?

Koch: In meiner Kindheit gab es drei Kanäle im Fernsehen, es gab keine Computer, es gab ein Telefon mit Wählscheibe. Wir, unsere Generation, steht an einem extremen Punkt der Geschichte, weil wir es noch kennen, wie es ohne das Digitale war. Ohne die Medienflut. Und das alles beschleunigt sich so ungemein.

Das Format Album verschwindet.

Koch: Das ist ein gutes Beispiel für das, worum es mir geht. Das Ritual, dass ich mir ein Album rausnehme, Seite A durchhöre, Seite B durchhöre, ein Album als ein Ganzes sehe. Die Band hat sich bei der Anordnung der Songs auch etwas gedacht. Diese Dinge verschwinden. Ein Musikstück ist ein Produkt, das in der Tram konsumiert wird.

Aber vor dem Album gab es doch auch Singles. Müssen sich da nicht die Musiker auf die veränderte Rezeptionsgewohnheiten umstellen?

Koch: Aber was sind denn Musiker heutzutage. Das sind doch Leute, die in irgendwelchen Fernsehshows als Clowns vorgeführt werden. Dreimal durch die Waschmaschine und wieder ausgespuckt. Dass eine Band sich ihren Erfolg erspielt, das gibt es kaum mehr. So wie bei Robocop Kraus zum Beispiel. Die haben Konzerte ohne Ende gespielt. Da könnte man auch sagen: Braucht es das? Aber da geht es um Qualität und für mich ist das alles ein Qualitätsverlust. Wir Menschen stumpfen immer mehr ab. Und ich kann mich als Künstler daneben stellen und sagen: Ich wundere mich.

Teil 2 des Interviews am 1. März hier.

10 Antworten zu “„Wennst denkst, is eh zu spät.“”

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