Holger Liebs über Martin Fengel #14

Heute schreibt Holger Liebs, Chefredakteur des Kunstmagazins Monopol, über das Werk der Woche von Martin Fengel. Ein Ausflug in die Deutungsriten des Symbolismus mit der Diagnose einer Überdosis Bedeutsamkeit.
Telekolleg Kunst: Symbole

Es gibt beabsichtigte Wirkungen eines Kunstwerks und solche, die unbeabsichtigt sind, Nebeneffekte der ursprünglichen Intention, Störgeräusche, Interferenzen. Letztere können entstehen, wenn es sich

1) um ein abstraktes Werk handelt, dessen Interpretation notwendigerweise offen bleiben muss, also sich nicht in der gestalterischen Absicht des Künstlers erschöpft (eine Eigenschaft, die aber im Grunde für jegliches Kunstwerk gilt) oder

2) bestimmte technische Unzulänglichkeiten dazu führen, dass die ursprüngliche Absicht verunklärt, gestört oder gänzlich ausgelöscht wird – wobei der Idealfall einer zu 100 Prozent von Idee zu Ausführung übertragenen Intention kaum je vorkommen wird, aber in Annäherungswerten wohl am ehesten in der angewandten Kunst anzutreffen sein wird.

Wir kennen im vorliegenden Fall die Schöpfungsabsicht des dargestellten, schlaglichtartig erfassten, uns fast bedrohlich nah gerückten Kunstwerks nicht, können aber zumindest erahnen, dass sich darin ein hoher Symbolgehalt entbergen soll.

Residuen bekannter Symbole sind zu erkennen: Malteserkreuz resp. Rosenkreutzersymbol; Friedenstaube; frisch geborener Säugling; Weltkugel. Jedes dieser Bilder enthält für sich genommen eine Botschaft, das Zusammenspiel dieser Symbole aber führt eher nicht zu einer symbolischen Steigerung dieser Botschaft, sondern zu deren Unschärfe durch Überlagerung verschiedener Stimmen:

Vor einem Symbol eines traditionellen Geheimbundes bzw. Samaritertums stößt eine Taube eher adlerhaft aggressiv als friedlich auf ein Kindlein hinab, dessen Nabelschnur wohl gerade erst abgetrennt worden sein mag, dessen Kopfform ihn aber eher als Fötus charakterisiert, und das vor einer Weltkugel (die Fruchtblase des Fötus?), die durch das bekannte UNO-Liniengeflecht gekennzeichnet ist und auf der die Kontinente eher pangeaartig-unscharf als Blasen herumwabern. Wer hilft hier wem und warum? Was sehen wir? Die handwerkliche Ausführung hilft uns auch nicht weiter, sie sieht unbeholfen aus, verunklärt auch die Symbolik. Und wir wären achtlos daran vorbeigegangen, wenn nicht einer die ganze Absurdität dieser Symbol-Überdosis gesehen und im close-up erfasst hätte.

Martin Fengel hat anläßlich des Jubiläumsjahres der Villa Stuck in der Empfangshalle eine Fotoausstellung, die wöchentlich um ein Werk ergänzt wird.

Auf mucbook und im Blog der Villa Stuck verraten wir jeden Montag – wenn das neue Bild aufgehängt wird – was sich eine Person dazu dachte.

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