Die Ästhetisierung des Fußballs

© Regina Schmeken

Ein mucbook-Gastbeitrag von Christoph Leischwitz.
Den ersten Schritt in dieser Annäherung machten die Fußballer. Im speziellen Oliver Bierhoff, ausgerechnet. Jenem Europameister, dem in den späten 1990er Jahren das Image des Fußball-Neureichen anhing, des Schnösels. Der Werbung für Shampoos machte, für viel Geld in Mailand und Monaco spielte und sein Gehalt vor allem in neue Klamotten und ein gepflegtes Aussehen zu stecken schien.
Doch es scheint, als könne man Bierhoff, heute Manager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, vielleicht doch nicht so leicht in eine Schublade stecken. Jedenfalls wandelte er im November 2010 ganz nonchalant durch die Ausstellung „No sports“ in München, traf auf die Ausstellerin Regina Schmeken und stellte ihr viele interessierte Fragen. Und dann lud er die Fotografin ein, das DFB-Team zu begleiten. „Ich war total überrascht“, sagte Schmeken heute, und zwar schon allein über Bierhoffs Besuch in dieser Austellung. Sie sieht Bierhoff als jemanden, der eine Brücke geschlagen hat zwischen zwei Welten, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen wollen. Doch es geht ja um mehr als den ersten Blick.
Ab dem 15. Juni ist das Ergebnis dieses Treffens in der Villa Stuck zu sehen: „Unter Spielern – Die Nationalmannschaft“. Das heißt: eigentlich ist nur ein kleiner Teil zu sehen. Zwei Jahre lang hat die Fotokünstlerin das Team begleitet, sie hat viele Trainingseinheiten und insgesamt 16 Spiele besucht, sie hat mehr als 9000 Fotos geschossen. 45 davon verteilen sich nun über zwei Stockwerke, sie strahlen Leichtigkeit und, weil in Schwarz-Weiß, eine gewisse nostalgische oder gar zeitlose Eleganz aus. Dem sportinteressierten Besucher ermöglichen sie einen neuen Blick auf dieses Spiel, das durch Agenturfotos, Superzeitlupen und Playstations in visueller Konformität zu versinken droht. All jenen, die sowieso einen Museums- einem Stadionbesuch vorziehen, ermöglichen sie eine erste Annäherung an etwas Neues.
Doch es geht dabei nicht um die Sportler, nicht um Starkult, dafür sind ihre Körper allzu oft auch abgeschnitten oder von hinten oder mit arg verzerrtem Gesicht zu sehen. Es geht nicht einmal um die Ästhetisierung des Fußballs – man könnte das glauben, Schmeken wird derzeit oft gefragt, ob sie Fußballer „schön“ finde (die Antwort: „Sie sind sehr unterschiedlich schön“). Es geht darum, das künstlerische Potenzial, das der Fußball bietet, nicht per se abzulehnen. „Gerade Menschen aus der bildenden Kunst sagen oft: interessiert mich nicht, schaue ich mir nicht an.“ Man könne daran ja sehen, dass Schmeken eben aus dem Journalismus komme. Eigentlich spüre man die Abneigung eher, als dass sie jemand ausspreche. „Die Menschen denken ja oft in Schubladen. Überspitzt gesagt: Malerei ist Kunst, Fotografie ist Dokumentation. Doch dazwischen gibt es aber doch ganz viele Wahrheiten und Gedanken, die man entwickeln kann“, sagt Schmeken.
Sie selbst hatte übrigens keine Vorurteile gegen Fußballer. „Mein Opa ging früher auf Schalke“, sagt sie, sie hatte deshalb kein „Proll-Denken“ mit Blick auf Stadiongänger. Und später schnappte sie zum Beispiel auf, wie sich die beiden Kunsthistoriker Tilmann Buddensieg und Horst Bredekamp stundenlang die neuesten Fußballergebnisse analysierten – nein, Fußball steckt in keiner Schublade, auf jeden Fall in keiner sozialen.
Einem Vorurteil ist Schmeken in der Fußballwelt dann aber doch noch begegnet: Frauen haben dort wenig verloren. Im Flugzeug mit der Nationalmannschaft etwa, auf dem Weg zur EM 2012 – es waren fast keine Frauen an Bord. Oder im mürrischen Gesicht des Pressesprechers eines Bundesliga-Vereins. Oder bei den Journalisten-Kollegen, die im Stadion mit viel Ausrüstung und High-Tech ihr Tagwerk verbringen. Auch hier: eher nonverbal als durch offene Aussprache. Solche Leute meint sie, wenn sie sagt: “ Mir gefällt es, die Leute zu verwirren.“ In der Ausstellung „Unter Spielern“ allerdings, da darf sich jeder Besucher wundern, oder auch nicht. Jeder darf sich selbst ein Bild machen, von den Fotos und ihren vielschichtigen Aussagen. Die Nationalmannschaft war von den Bildern übrigens recht angetan, erzählt Schmeken. Für die jungen Spieler sei es ein kurzer Ausflug in eine völlig andere Welt gewesen.

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