Eckhart Nickel über Martin Fengel #29

Eckhart Nickel ist Schriftsteller und war unter anderem als Autor für das Zeitgeistmagazin Tempo, Architectural Digest, die SZ tätig und leitete ein paar Jahre gemeinsam mit Christian Kracht die tolle Literaturzeitschrift Der Freund.

Diese Woche ist er Autor-Gast im Fengel’schen Bildatlas, um über eine Leiter nachzudenken – die im „weichen Flimmern eines Frühlingshimmels“ an einem Baum lehnt.

„Alle Empfindung natürlicher Schönheit beginnt für mich mit einem besonderen Licht. Das kann das weiche Flimmern eines Frühlingshimmels über den frisch gepflügten Äckern Mittelhessens sein, das anhebende Spektralschauspiel der Morgenfarben nach einem Nachtflug, 39000 Fuß weit entfernt von der Erde in eisdünner Luft, oder das fast subtropische Mittagslicht, das dieses sandige Bild von Martin Fengel durchstrahlt.

Auf den ersten Blick dachte ich, es sei ein gigantischer Affenbrotbaum, an dem die wunderbar provisorisch zusammen gezimmerte Leiter steht. Aber Fengel korrigierte mich, es sei nur der Teil einer Art Grotte, in der sie aufgestellt ist. Am Ende spielt es auch gar keine Rolle, ob der Hintergrund nun Lehmhöhle oder Baum ist. Vielmehr scheint es darum zu gehen, wie das Licht die Leiter dem Hintergrund organisch einverleibt: indem ihre als Schatten geworfenen Sprossen sich der schlammfarbenen Oberfläche anpassen und aus den geraden Gedankenstrichen, wie sie die Leiter strukturieren, gedachte Pfeile entstehen lassen, Wegweiser nach oben. Da hoch, wo wer auch immer hinwollend, das Holzgerüst genutzt hat. Stufen als Spuren des Aufstiegs in eine andere Ebene, höher hinaus.

Ein alter Ort ist das, fraglos, Station eines Pilgerwegs vielleicht; man meint gleich, die trockene Luft riechen zu können, wie sie dem ewig verdörrenden Laub der Tropen auf dem Boden entströmt und so eine Wärme entstehen lässt, in der alle Aromen der Umgebung enthalten sind wie auch alle Farben in dem gleichmäßigen Khaki der Szene aufleuchten, je nachdem, wo man gerade hinsieht. Der Staub, wie er sich beim Gehen über die nackten Füße legt, die sich nach und nach in Farbe und Struktur dem Boden anverwandeln, wird zum Chamäleonmacher und regt einen dazu an, genauer hinzusehen, und wenn man nur lange genug hinsieht, passiert es irgendwann: Die Leiter, uraltes Symbol der Verbindung zwischen Erde und Himmel, verschwindet im Vordergrund und dahinter, irgendwo zwischen Schatten der Äste umherstehender Bäume, erscheint plötzlich aus dem Nichts ein Gesicht, eine Art Knochenschädel, wie von der Malerin Georgia O’Keefe erdacht.

Nature, aber nicht morte. Im Gegenteil: Animiertes, wildes Oszillieren löst dieses Bild aus, aber nicht eindeutig, wie in dem berühmten Beispiel von der alten Frau, die sich unter veränderter Perspektive vor unseren Augen in eine Ente verwandelt. Vielmehr eröffnet die Entdeckung eines  Details Spuren, die in mehrere Richtungen weisen: Könnte zum Beispiel die Nase des Knochenkopfes nicht auch das Detail eines Rückenaktes von Albrecht Dürer sein? Schon möglich. Fängt man aber an, sich auf den Rückenakt zu konzentrieren, verschwindet der Knochenschädel zusehends und es treten noch mehr menschliche Figuren aus dem Bild hervor wie Wasserspeier aus einer Kathedralfassade.

Es ist ein uraltes Spiel, in Wolken körperliche Formen zu entdecken und sie so zu figürlichem Leben zu erwecken. Das entspringt unserem nahezu instinktiven Verlangen nach Struktur. Das Vergnügen, diesem nachzugeben, lässt bald auch die Leiter selbst als gelungenes Bild für die Aufnahmen von Martin Fengel erscheinen: Sie sind Vehikel, die uns an einen höheren Ort (der Erkenntnis) transportieren, an dem wir Kraft unserer Phantasie Dinge wahrnehmen, die wir vorher so noch nicht gesehen haben.“ (Eckhart Nickel)

Ein Begleitblog zum Projekt “Wachs” von Martin Fengel:
Martin Fengel schickt jede Woche einem Künstler, Autor und anderen Menschen, dessen Arbeit oder Werk er besonders schätzt, ein Foto mit der Bitte, dies zu betrachten und ein paar Zeilen über die einströmenden Assoziationen aufzuschreiben. So entsteht zu dem optischen auch ein textliches Kompendium, was sowohl die Möglichkeit der Interpretation oder einfach nur der Beschreibung birgt.

Auf mucbook und im Blog der Villa Stuck zeigen wir jeden Montag – wenn das neue Bild aufgehängt wird – was sich eine Person dazu dachte.

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