Ein Pass für alle Länder

Warum steht im Museum Villa Stuck ein Reisepass? Ja gut, wir wissen, es gibt jetzt einen digitalen Reisepass – aber ist das lila Büchlein deshalb schon museumsreif? Das Werk heißt On the Road to Other Lands (2008). Im Format eines deutschen Reisepasses birgt das Buch ein Sammelsurium privater Devotionalien, von Fotografien bis hin zu Geldscheinen aus verschiedenen Ländern, ebenso wie die Werbeslogans der Bundesdruckerei, auf deren Papier es gedruckt wurde – »Legalität für alle Länder«.

In On the Road to Other Lands zeigt sich nicht nur der Wunsch nach einer komplexeren und persönlicheren Definition von Identität als jener, die staatlichen Behörden zu eigen ist, sondern auch das Modell von Öğüts künstlerischer Intervention.

Die ästhetischen Manipulationen des falschen »Passes« bringen die normierende Wirkung staatlicher Papierprodukte sowie nicht eingelöste Versprechen der Autoritäten ans Licht. Ahmet Öğüt betreibt die Offenlegung der Strukturen aus den Objekten selbst heraus, von innen, in dem er einen den »chronischen Strukturen« selbst innewohnenden Sinn oder eine Möglichkeit hervorkitzelt: das Implizite wird explizit.

Die meist anekdotenhafte Form von Öğüt’s reger Bildproduktion bewahrt den ausgebildeten Maler vor dem Abdriften in erneute Einseitigkeit und Ausschließlichkeit. Das Künstlerbuch Today in History (2007) versammelt Zeitungsartikel, deren Skurrilität die Mythen einer linearen Modernisierung in der Türkei in Zweifel ziehen, etwa den eines Mannes, der in jahrelanger Heimarbeit selbst einen Ferrari gezimmert hatte, den er aufgrund der Straßenverkehrsordnung dann nicht fahren durfte.

Öğüt nützt Scheitern und Unvollständigkeit, um jenem Teils des Charakters sozialer Phänomene auf den Grund zu gehen, der als Fiktion, nicht als Realität gilt. Mit Humor und Ironie bringt er ihn zurück an die Oberfläche. Die Irritationen, die seine Werke hervorrufen, helfen nicht nur bei der Neujustierung des Blicks, sondern auch bei der Überwindung der Traumata, die die moderne Einseitigkeit hervorruft. Der eigenen Erinnerung kommt dabei eine entscheidende Rolle zu.

Ahmet Öğüt ist der festen Überzeugung, dass Kunst mit Erfahrung beginnt. Diese gibt er an die Besucher weiter. Der Künstler steht nicht nur in jener Tradition des Museums Villa Stuck, die sich urbanen Diskussionen und Entwürfen widmet, von Bodys Isek Kingelez Extremen Modellen im Jahr 2002 bis hin zu vielfältigen Reflexionen über das Verhältnis von Architektur und Avantgarde.

Er steht auch in der Tradition des Hausherren selbst. Auch durch das Werk von Ahmet Öğüt ziehen sich Elemente und Verbindungsglieder, Spuren und Pfade, die sich erschließen lassen, fast wie ein Rätsel oder ein Spiel. Im Gegensatz zu Franz von Stuck ist das Ziel aber nicht die Perfektion. Im Herzen des Gesamtkunstwerkes von Ahmet Öğüt steht sein eigenes Programm – Mut zur Lücke!

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