Woman Fighter

RICOCHET#3. Hito Steyerl … der Katalog ist da und ab in der Villa Stuck erhältlich! Hier schon einmal der Text von Museums-Direktor Michael Buhrs: „Sage mir, Weib, wie hast du dich erdreisten können,…

…dich so übermütig uns entgegen zu werfen und uns, die gewaltigsten Helden der ganzen Erde, zu bekämpfen? Der Wahnsinn muss aus dir gesprochen haben.“ So lässt Gustav Schwab in seinen Sagen des klassischen Altertums Achilles vor Penthesilea voll Inbrunst rufen, bevor er ihr mit zwei Stößen in die Brust das Leben nimmt. Penthesilea, Tochter von Ares und Otrere, ist die schöne Königin der Amazonen, und hatte zuvor an der Seite der Trojaner den Tod des Achilles beschworen.

Franz von Stucks Amazonen sind der Inbegriff dessen, wie sich das Fin de Siècle diesen Frauentypus vorstellte: stolz, heroisch, von robuster Weiblichkeit. Selbst die Gestalt einer verwundeten Amazone, die hinter ihrem Schild Schutz sucht, während um sie herum das Schlachtengetümmel tobt, strahlt in begehrenswerter Eleganz. Es wundert nicht, dass Penthesilea, die Königin der Amazonen, nicht nur Heinrich von Kleist zu seinem berühmten Trauerspiel inspirierte, sondern neben Stuck auch anderen Künstlern als Idealvorstellung der Femme fatale diente.

Als stolze Reiterin in einer Kleinplastik aus Bronze (Modell 1897, Guss 1903) ist Stucks schöne Amazone in der dritten Ausstellung der RICOCHET-Reihe zu einer »Woman fighter« geworden. Mit diesem – neuen – Titel hat Hito Steyerl die Arbeit aus der Sammlung des Museums Villa Stuck in ihre Ausstellung einbezogen – die erste Münchner Einzelausstellung der Künstlerin.

Seit Jahren setzt sich Steyerl in Theorie und Praxis erfolgreich mit gesellschaftspolitischen Prozessen auseinander, agiert an der Schnittstelle von Film und Bildender Kunst. Sie verarbeitet Elemente des Dokumentarfilms, der experimentellen Filmpraxis und der Videokunst zu filmischen Analysen der Gegenwart. Dieses filmische Instrumentarium wird bisweilen um den Bereich der Installation erweitert oder erstreckt sich in den öffentlichen Bereich, wie anlässlich iner Ausstellung in der Kulturhauptstadt Linz 2009.

Nach einer Präsentation im Neuen Berliner Kunstverein 2009 ist die Einzelausstellung im Museum Villa Stuck die zweite der Künstlerin und Filmemacherin in einer deutschen Institution. Steyerl stellte ihre Arbeiten bereits unter anderem bei der 3. Berlin Biennale (2004), der Manifesta 5 (2004), der documenta 12 (2007) oder der Shanghai Biennale (2008) vor. Aktuell und parallel zur Ausstellung in München zeigt das Henie Onstad Kunstsenter in Oslo eine Auswahl von Steyerls Arbeiten.

Montage und De-Montage stehen sich als Grundprinzipien in den Arbeiten Hito Steyerls gegenüber, die für die Präsentation in der Villa Stuck ausgewählt wurden. November, der Film über Steyerls Freundin, Andrea Wolf, die sich in den 1990er Jahren als Kämpferin der PKK anschloss und 1998 in der Osttürkei getötet wurde, steht als feministische Martial-Arts-Collage für die filmische Montage von Exploitation-Kino, Territorialpolitik und Geschlechterforschung.

In The War According to Ebay dagegen demontiert Steyerl die digitalen Wasserzeichen, die Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg auf eBay zum Schutz vor illegalem Download und um besonders grausame Szenen zu verschleiern von den Anbietern hinzugefügt werden, von ebendiesen Fotos. Die Wasserzeichen verweisen als abstrakte Zeichen auf die Leerstelle, das eigentliche Foto, das als Teil des weltumspannenden eBay-Marktes Teil eines historischen Archivs wird, in dem die Gräueltaten von Soldaten ebenso wie der scheinbar routinemäßige Kriegsalltag zu erwerben sind. So untersucht die Künstlerin die Wahrnehmung der Ereignisse unter den Bedingungen der globalen Kommerzialisierung.

Ein spezielles Augenmerk richtete die Künstlerin bei der Auswahl der Fotografien für die Ausstellung auf das Thema der Flintenweiber. So sind alle ausgestellten Arbeiten Wasserzeichen von Fotografien, die Bezug nehmen auf Frauen im Waffendienst. Ursprünglich wurde der Begriff Flintenweiber für Soldatinnen der russischen Armee verwendet, die im Widerstand gegen die deutschen Besatzungstruppen agierten und so von den deutschen Soldaten genannt wurden.

Der Begriff Flintenweiber lebt jedoch weiter, geht ein in die Populärkultur, dient als deutscher Filmtitel für den amerikanischen Frauenwestern The Dalton Girls von 1957 und gibt einem Frauen-Schützenverein in Essen den Namen. „2 Fotos russische Flintenweiber / Partisan“, „Flintenweib-Abschreckende-Bewohner-verlaust-lumpig“, „Foto Flintenweib, Мать, Matka, Babuschka in dt. Uniform“, „FOTO – FLINTENWEIB – Gefangen Genommene Russin !!!“, „Gefangener Soldat mit Verletzten Flintenweib ?“, „Russische Gefangene POW Frauen Flintenweib“, so waren die Fotografien verschlagwortet und angeboten worden, die Hito Steyerl für die Arbeit The War According to Ebay recherierte und für die Präsentation in der Villa Stuck auswählte.

Mit November und The War According to Ebay entwirft Steyerl ein faszinierendes Panorama, in dessen Zentrum eine Frage steht, die erst in jüngster Zeit die Forschung tiefgreifender interessiert, nämlich die Kategorie Geschlecht innerhalb der Kriegs- und Terrorismusforschung bzw. die Rolle der Frau in Krieg und Terrorismus. So schließt sich der Kreis mit Penthesilea, der Amazonenkönigin, am Beginn dieser kurzen Einführung. Ein Kreis, den Hito Steyerl in ihrer Ausstellung für die Reihe RICOCHET präzise definiert. „Travelling icons“, „travelling images“, „reisende Ikonen“ und „reisende Bilder“, die durch Zeiten und Kulturen wandern, in unterschiedlichen, auch politischen Kontexten neu aufgeladen und neu definiert werden, mit diesen Begriffen bezeichnet Steyerl, was mit dem Konterfei von Andrea Wolf in November geschieht. In ihrer Ausstellung nimmt sie uns mit auf diese Reise, doch setzt das voraus, dass wir dieser Migration der Bilder mit offenen Augen begegnen.

Mein herzlicher Dank gilt Hito Steyerl für die sehr offene und professionelle Zusammenarbeit. Mein Dank gilt weiterhin Hito Steyerls Assistentin Yeliz Palak für Ihre Mitarbeit in der Vorbereitung der Ausstellung. Die Ausstellung wird vom Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds im Rahmen des Wiener Impulsprogramms für Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften gefördert.

RICOCHET geht in die zweite Halbzeit, Cris Koch und Samantha Dietmar haben den Ausstellungsreigen auf höchst unterschiedliche Art und Weise erfolgreich eröffnet. Mein Dank gilt den RICOCHET-Kuratorinnen, Anne Marr, Sabine Schmid und Verena Hein, für das anhaltende Engagement.

Der vorliegende Band, wie auch alle anderen der Reihe RICOCHET, erscheint in der Edition Young Art des Kerber Verlags und wird von Verena Hein betreut, ihr wie auch den Lektorinnen Stefanie Adam und Sarah Trenker sowie Bram Opstelten, verantwortlich für die Übersetzung der Texte, danke ich sehr für die Mitarbeit. Gewohnt sensibel und individuell zeichnen für die grafische Gestaltung normal industries, Petra Kottmair und Jonathan Wood, verantwortlich.

Ich bedanke mich bei Andreas Ströhl, Leiter des Filmfests München, für seine Mitwirkung an einem Künstlergespräch mit Hito Steyerl sowie bei Bernhard Schneider für die Betreuung der Veranstaltungen und Pressearbeit. In der Zwischenzeit bestens eingespielt ist die Zusammenarbeit mit unseren Medienpartnern ZÜNDFUNK, dem Szenemagazin auf Bayern 2, und mucbook.de, dem München-Blog, denen ich für die sehr gute Kooperation herzlich danke. Michael Buhrs“

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