Notizen zu einer Weggefährtin

Am vergangenen Mittwoch schrieb Kai Strittmatter in der Süddeutschen Zeitung über Andrea Wolf, Protagonistin in Hito Steyerls Film „November“ von 2004 – dieser hat auch die Ausstellung Steyerls in der Villa Stuck mit beeinflusst.

Seit zwölf Jahren will die Mutter der PKK-Kämpferin Andrea Wolf wissen, wie ihre Tochter starb. Vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte hat sie nun einen ersten Erfolg erzielt.

Istanbul – Die junge Frau ist in den Bergen. Im „wilden Kurdistan“, wie sie selbst anmerkt, im Kampf für ein besseres Morgen. Sie ist Deutsche. 20-Stunden-Märsche, Dreck, Ziegenmelken, Brotbacken und Luftangriffe, Langweile, Tagebuchschreiben. „Bei einem Gefecht haben sich sechs Frauen in die Luft gesprengt“, heißt es einmal im Tagebuch. „Als ihnen die Munition ausging, haben sie es vorgezogen zu sterben, als den türkischen Soldaten in die Hände zu fallen. Gequält, gefoltert und vergewaltigt und wahrscheinlich umgebracht zu werden.“ Der Absatz schließt: „Ich würde auch so handeln.“ Einen Monat später treibt der Gedanke sie erneut um. Ob sie die Handgranate zünden würde? Diesmal steht da: „Ich bin mir nicht so sicher.“

Ronahi rufen die anderen sie. Das ist Kurdisch und heißt „Licht“. Es ist ihr Kampfname. Eigentlich heißt sie Andrea, Andrea Wolf, geboren 1965 in München. „Mach dir keine Sorgen“, schreibt sie in ihrem letzten Brief an die Mutter. „Ich werde nächstes Jahr zurückkommen.“ Andrea Wolf ist 33 Jahre alt, als sie am 23. Oktober 1998 türkischen Soldaten in die Hände fällt. In den Bergen unweit des Van-Sees. Eine Großoffensive der Armee gegen die Kurdische Arbeiterpartei PKK. Der PKK-Trupp, mit dem Andrea Wolf marschiert, wird eingekesselt. Am Ende ist Andrea Wolf tot.

Aber wie starb sie? Überlebende PKKler berichteten nach dem Angriff, Andrea Wolf sei den Soldaten gemeinsam mit anderen lebend in die Hände gefallen. Sie sei gefoltert und dann erschossen worden. Das wäre ein Kriegsverbrechen. Die Türkei bestreitet das. Die Türkei zweifelt sogar den Tod an: Der Leichnam der Münchnerin ist bis heute nicht gefunden worden. Die Freunde der Getöteten in Deutschland und Andreas Mutter Lilo Wolf wollten sich damit nie abfinden. All die Jahre arbeiteten sie an einem Ziel: „Die Ermittlungen müssen wieder aufgenommen werden, schließlich war es Mord“, sagt Lilo Wolf: „Das Militär darf nicht straflos ausgehen.“ Rechtsanwalt Jörg Arnold sagt, es gehe darum, „ein Stück Wahrheit zu erzwingen“.

Nun, zwölf Jahre nach dem Tod, haben sie einen erstaunlichen Erfolg errungen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilte die Türkei wegen Verstoßes gegen die Europäische Menschenrechtskonvention im Falle Andrea Wolf. Für die der Mutter zugefügten „seelischen Leiden“ muss die Türkei eine Entschädigung zahlen.

Konkret beanstanden die Straßburger Richter, die Türkei habe „keine adäquate und effektive Untersuchung“ über das Schicksal Andrea Wolfs geführt. Die Justiz habe weder die an dem Gefecht beteiligten Soldaten befragt noch den Leichnam suchen lassen. Wo sie ermittelt habe, habe sie Widersprüche ignoriert und nur die Aussagen berücksichtigt, „die für eine Einstellung des Verfahrens sprächen.“ Das ist eine kaum verhüllte Umschreibung für: Die Türkei hat vertuscht. „Das Urteil ist eine Ohrfeige für den türkischen Staat“, sagt die Münchner Rechtsanwältin Angelika Lex, die die „Internationale Unabhängige Untersuchungskommission“ (IUK) vertritt, eine private Initiative, die seit Jahren die Aufklärung des Falles betreibt. Der Freiburger Anwalt Jörg Arnold, der in Straßburg die Mutter vertreten hat, spricht von einer „Genugtuung“. Aber es ist nur ein Teilerfolg. Für die vorsätzliche Tötung selbst wollte Straßburg die Türkei nicht verurteilen. Es gebe „legitime Verdachtsmomente“ für die Misshandlung und Hinrichtung Andrea Wolfs, aber die vorgelegten Beweise seien nicht „über jeden Zweifel erhaben“.

Die Zeugen. PKK-Kämpfer sind das, die sich in einem Erdloch versteckt hatten und dort lauschten. Die IUK spürte sie auf und befragte sie. „Die Stimme von Genossin Ronahi war voller Angst. Sie hat geschrien. Sie sprach Deutsch. Ich verstand nicht, was sie sagte, aber ihre Stimme war wütend, wie von jemandem, der starke Schmerzen hat“, heißt es in einer Aussage. Und später: „Sie waren von der Folter übel zugerichtet. Ich sah Genossin Ronahi. Sie war in einem fürchterlichen Zustand. Ihr Hals war voller schwarzer Flecken, wie Würgespuren.“ Mehrere Zeugen berichten von Foltermalen. Der Leichnam sei entkleidet und verstümmelt gewesen. Dorfbewohner begruben die Toten später.

Männergewalt. Ein Thema, das Andrea Wolf in Rage brachte. Sie war früh aktiv in der linken Szene. Hausbesetzungen, Proteste gegen die Atompolitik, später Solidaritätsaktionen für RAF-Häftlinge. Zweimal saß sie im Gefängnis, das erste Mal mit 16. Als die dritte Verhaftung drohte wegen angeblicher Teilnahme an dem RAF-Anschlag auf die Justizanstalt Weiterstadt 1993, tauchte sie unter. „Der Vorwurf war absurd“, sagt die Mutter: „Sie war zu dem Zeitpunkt bei mir in Guatemala.“

Das Verfahren wurde eingestellt. Andrea Wolf setzte sich ab, stieß Ende 1996 zur PKK. „Lernen“ wollte sie dort. Über politische Organisation, über die Befreiung der Frau. Mal jubelte sie in ihrem Tagebuch, sie habe sich „noch nie im Leben so aufgehoben gefühlt“, mal klagte sie über Einsamkeit und darüber, wie man im Krieg abstumpft. Von PKK-Chef Abdullah Öcalan träumte sie: „Ich kenne keinen Mann auf dieser Welt, der ernsthaftes Interesse daran hätte, dass Frauen stark werden. Nur ihn.“

Lilo Wolf, die Mutter, lebt seit fast 25 Jahren in Guatemala. Sie sagt, sie behalte ihre Tochter als „starkes Mädchen“ in Erinnerung. Es fällt ihr schwer, sich immer wieder neu mit dem Tod der Tochter zu beschäftigen. „Ein solches Urteil macht meine Tochter nicht wieder lebendig, aber es ist wichtig für die Zukunft.“ Der Menschenrechtler Oskar Schmid, Mitglied der IUK, sagt, es gehe darum, zu verhindern, dass sich Ähnliches wiederhole: „Mögliche Täter sollen denken: Vielleicht passiert dir morgen nichts und in zehn Jahren nichts. Aber vielleicht in 20 Jahren, da wird deine Tat dich einholen. Eine Unverwundbarkeit auf Lebenszeit, die gibt es nicht mehr.“

Und nun? Rechtsanwalt Jörg Arnold hat Kontakt mit der Staatsanwaltschaft in Frankfurt aufgenommen. Die deutsche Justiz soll wieder ermitteln: „Wir werden neue Beweise beibringen.“ Zeugen, die aus Angst um ihr Leben bislang nur anonym aussagten, wollen sich den Gerichten zu erkennen geben. Ziel ist es, über ein Rechtshilfeersuchen Deutschlands auch die türkische Justiz wieder zum Ermitteln zu bringen.

Mutter Lilo Wolf erzählt vom Grab in München, in dem schon der Vater und der Bruder von Andrea Wolf bestattet sind. Sie wartet nach wie vor auf den Tag, an dem die sterblichen Überreste ihrer Tochter gefunden und nach München überführt werden. „Dass ich das abschließen kann.“

© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content).

Hinterlasse eine Antwort

*